Thank you, Canada!

Vor genau einem Jahr bin ich in mein Auslandsjahr in Kanada gestartet. Mein erster Aufenthalt auf nordamerikanischem Boden. Ich konnte das anfangs garnicht realisieren. Stressvolle Tage lagen hinter mir, man sollte nicht unterschätzen, was man alles in der Wohnung hat und wieviel Orga es kostet, mal für ein Jahr abzuhauen.

Im Rückblick betrachtet war es ein tolles Jahr, auch wenn ich anfangs länger brauchte, um richtig anzukommen und die Schnüre nach Deutschland locker zu halten. Einigen von euch hatte ich angekündigt, mich garnicht oder nicht oft zu melden. Der digitale Fortschritt macht es einem zwar einfach, den Kontakt kinderleicht und günstig aufrecht zu erhalten. Aber das wollte ich nicht. Ich wollte woanders sein, woanders leben, ein anderes Land und seine Menschen kennenlernen und Zeit mit ihnen verbringen. Somit habe ich eigentlich nur mit meiner Familie regelmäßig geskypet.

Die ersten Tage in Halifax waren wettertechnisch ‚geht so‘. Auch wenn das kein Drama ist, es hat doch einen Effekt auf die eigene Wahrnehmung und darauf, wie sich ein Ort ‚anfühlt‘. Kombiniert mit meinem Jetlag war das schon ne komische Mischung, Halifax hat mich nicht wirklich umgehauen. Es konnte also nur besser werden! 😉

Wurde es auch, ich hatte einen tollen Sommer in Montreal. Mein Job als Localization Tester war ok, die Leute in meiner WG echt nett und es gab ständig Anlässe, nicht zuhause zu sein. Mit Flo hab ich die umsonst-und-draußen Events abgeklappert, mit dem dt. Stammtisch gings zum Grillen in den Park, mit Eiko aus Japan ins Museum, mit Theresa aus Wien in ihre Lieblings-Restaurants und mit Sarah zum Frauen-Fußball. Und am Ende des Tages, wenn noch zuviel Energie übrig war, ging’s Salsa tanzen mit der ‚South American Gang‘ um Louis, bis die Füße brannten. Montreal hat so viel zu bieten, das Wetter im Sommer ist genial, die Stadt ist grün, hat Wasser und Bötchen, Radwege, Biergärten, Geschichte und wird kulturell nie langweilig. You are my number one city in Canada! ❤

Danach ging’s via Ottawa (klein und süß) nach Toronto (Money talks) und von dort aus nach Calgary. Am Ende hatte ich Calgary tatsächlich in mein Herz geschlossen. Es gibt nicht viel zu tun, so hat man Zeit, am Bow River spazieren zu gehen oder mal ein Buch zu lesen. Ich hab mich liebend gerne in eins der Hipster-Cafés gesetzt auf der 17th Ave und Menschen beobachtet. Mein Lieblings-Hostel steht auch in Calgary, HI Calgary City Centre.

Die Rockies sind mega! Meine Zeit in Banff war zwar arbeitstechnisch kein Zuckerschlecken, aber die wunderschöne Landschaft, die gute Luft und das beste Leitungswasser ever gibt’s halt nicht umsonst. Auch hier habe ich durch Arbeit oder Zufall viele tolle Menschen getroffen. Unvergessen mein letzter Abend in der Staff Housing, 10 Leute aus 7 Ländern auf 5 Quadratmetern! Was für ein Spaß.

Raincouver, Springcouver, Vancouver. Im November und Dezember regnete es so viel und es war so dunkel, dass ich haarscharf an einer Depression vorbeigeschrammt bin. („I have to leave before I kill myself.“) Im April habe ich Vancouver noch einmal besucht und hatte den Eindruck, dass es sich um eine ganz andere Stadt handelt! What a difference!

Zum Schluss ging es dann noch nach Vancouver Island, ein krönender Abschluss meiner Kanada-Reise. Victoria und Tofino waren Orte, die ich auf jeden Fall nochmal besuchen möchte!

Wo es am schönsten war? Das ist schwer zu sagen. Klar, die Rocky Mountains sind atemberaubend. Die Berge und Täler wirken unendlich, es gibt riesige Flächen mit Wald, glasklare und blaue Seen. Aber jede Ecke hat ihren eigenen Charme, selbst die Steppe in Alberta fand ich interessant.

Die letzten drei Wochen habe ich genutzt, um die USA zu bereisen. Von Seattle ging es über Portland und Eugene runter nach Kalifornien. Nach einer Woche in San Francisco, einer Woche in New York dann anschließend zurück nach Frankfurt.

Kanada, du bist wunderbar! Auch wenn ich mit deiner One-Way-Throw-Away Kultur nichts anfangen kann, deine Autos zu groß, deine Winter zu kalt und deine Energiebilanz miserabel ist: Ich liebe deine Menschen! Sie sind höflich, zuvorkommend, entspannt, glücklich und gut erzogen. Sie halten die Tür für dich auf, drängeln sich niemals vor sondern lassen andere vor, haben immer ein Lächeln parat und zelebrieren Kundenservice. Sie entschuldigen sich, gerne mehrmals, obwohl sie garnicht schuld sind. (I’m sorry sorry!) Sie sind selten gestresst und meistens herrlich entspannt. Du hast mir gezeigt, mal einen Gang zurückzuschalten. Danke dafür!

I love you, I adore you, I’d like to export you!

Und wenn die Menschen so nett sind, dann ist der Kulturschock in good old Europe umso größer. Die ersten Tage in Deutschland war ich nicht wirklich glücklich. Ich litt extrem unter dem Kulturschock und hätte mich am liebsten wieder in den Flieger gesetzt. Ja, es war schön, meine Familie wiederzusehen und mein Patenkind endlich kennenzulernen. Aber warum sind viele Menschen so gestresst und unfreundlich unterwegs? Warum drängelt ihr euch an der Kasse vor? Warum hupt ihr? Warum sagt ihr nicht Danke, wenn euch jemand vor lässt? Leude, entspannt euch.

Meine Wochen in den USA waren schon nicht mehr ganz so ‚freundlich‘ wie in Kanada. Ich sah es als gute Vorbereitung auf Deutschland. Egal ob ich in Seattle auf Business People traf, die mich in der U-Bahn fast überrannt haben oder auf Taxifahrer in New York, die mit ausdauerndem Gehupe offenbar andere erziehen wollten, und mir damit jedes Mal fast einen Herzinfarkt bescherten. Umgewöhnung allerorten. Im Frankfurter Bahnhof regte sich eine Rentnerin lautstark über eine ihrer Meinung nach falsche Reklame auf, es würde doch eindeutig Rhabarber-Streusel-Schnitte heißen! In Mendig stand ich an ’nem Lachs-Döner-Stand. Als ein junger Kerl mit dem Kommentar ‚Das ist aber teuer‘ vorbeiging, schrie (!) die Angestellte ihm im Berliner Dialekt hinterher ‚Dann geh doch Currywurst fressen!‘ Echt jetzt? #KulturschockIstGarkeinAusdruck

Es ist viel einfacher sich an ein freundliches Umfeld zu gewöhnen als umgekehrt. Ich werde versuchen, mir diese entspannte Lebenshaltung zu bewahren. Mich nicht anstecken zu lassen vom zu hohen Stresslevel anderer. Mir meine innere Ruhe und Zufriedenheit nicht wegnehmen zu lassen.

Mich fragten bereits mehrere Leute, was denn mein nächstes Projekt sei. Das liegt sozusagen auf der Hand: „Keep calm and earn money“ 🙂 Mein Geld ist alle und manche Stimmen behaupten sogar, dass mir ein bisschen Struktur ganz gut tun würde. Vorbei ist das Backpacker-Lotterleben. Vorbei mit ‚Kommste heut nicht, kommste morgen‘. Nach knapp 3 Monaten Freizeit ist es wohl wieder an der Zeit, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Und damit das funktioniert, hatte ich mir einen 4wöchigen ‚Puffer‘ eingebaut, bin also schon einen Monat vor Arbeitsbeginn wieder zurückgekehrt. Damit mein kleines Köpfchen mit der Umstellung klar kommt.

In der Tat ist es schön, nicht mehr aus dem Koffer zu leben. Reisen kann auch anstregend werden, schließlich hab ich mir diese Reise selbst erarbeitet. Jeden Bus, jede Fähre, jede Unterkunft, jede Tour, selbst gebucht und vorher recherchiert, jede Mitfahrgelgenheit selbst angeleiert. Meine Koffer immer selbst ge- und dann wieder entpackt. Mich selbst um Jobs beworben, den Papierkram, die Wäsche erledigt. Wie komme ich von A nach B, wie komme ich vom Bahnhof zum Hostel, was muss ich mir vor Ort unbedingt angucken, wo kann ich mir ein Fahrrad leihen und wer schleppt meinen Koffer wenn es regnet? Wo ist der nächste günstige Supermarkt? Und wer besorgt meiner Untermieterin in Köln neue Schlüssel, weil sie ihre verloren hat? Ich weiß, das ist Klagen auf hohem Niveau. Aber wer glaubt, dass ich 1 Jahr lang Freizeit ohne Ende hatte und mich um nichts kümmern musste, der irrt. Meine Abwesenheit wollte gut vorbereitet sein und meine Auszeit gut umgesetzt werden. Free Wifi weiß man als Langzeitreisende zu schätzen, es macht alles um einiges einfacher.

Meine Absicht, als erstes mit der Schubkarre in der REWE Käsetheke einkaufen zu gehen, habe ich jedoch noch nicht wahr gemacht. Oder hat jemand Lust, mitzukommen?! Ich vermute jedoch, dass es piepst, wenn wir rausfahren.

Eigentlich braucht man garnicht nach Kanada oder Australien, um eine andere Lebensform zu leben. Etwas ähnliches kann man auch in Europa oder Deutschland erleben. Das macht nur keiner, oder ich kenne zumindest niemanden. Ein Jahr lang durch Europa reisen, arbeiten, wo sich Arbeit ergibt. Sprachen lernen. Menschen treffen. Weiterreisen. Man wäre vermutlich verblüfft, wie viel Spannendes sich hier entdecken ließe. Schließlich leben ja nicht nur Miesmuscheln auf unserem Kontinet – was für’n Glück!

Ich habe so viele (deutsche) Backpacker getroffen, die mit ihrem Leben in Deutschland abschließen und etwas neues anfangen wollten, am liebsten in Kanada. Alle habe ich danach gefragt, ob sie ihre Arbeit mögen. Fast alle haben hier mit Nein geantwortet. Und da fängt es ja an, dass sich Unzufriedenheit und Frust aufstauen. Ich weiß, dass sich so etwas leicht sagt, aber versucht eine Arbeit zu finden, die euch Spaß macht. Oder mit der ihr zumindest ok seid. Umgebt euch mit Leuten, die euch gut tun. Treibt Sport. Verkauft unnützen Besitz auf dem Flohmarkt. Sorgt dafür, dass ihr genug Freizeit habt und dass ihr in dieser schöne Dinge tut. Macht alles jetzt, nichts später. Das Leben ist kurz. Carpe Diem. Think positive!

Diesen Eintrag möchte ich mit einem Zitat beenden. Es stammt von Michael Balzary, dem Bassisten der Red Hot Chili Peppers, die vor kurzem bei Rock am Ring gespielt haben. Er hat damit die BesucherInnen nach dem Konzert verabschiedet, und ich kann mich dem nur anschließen: Be friendly, be nice and gentle!

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Ein Kommentar

  1. Liebe Tanja,
    ich habe recht wehmütig Deine Conclusion gelesen und freue mich, dass du wohlbehalten und mit guten Absichten und Eindrücken wieder da bist! Es ist immer hart bis Nerven-aufreibend, nach einem komplett anderen Leben wieder in den daily humdrum einzusteigen, Deine Methode klingt vielversprechend. Besonders Schubkarre+Rewe wird super – hoffe, du machst es noch 😉 Ich sende Dir nur die besten Wünsche, wenn es sich mal ergibt, freue ich mich auf ein Telephonat mit Dir; es ist bei mir gerade ein wenig unruhig, also auch von meiner Seite kein Stress –> no worries, no hurries …. wir laufen uns wohl nicht gegenseitig weg 🙂 Always good to read you, mate!

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