Hongcouver, Raincouver, Vancouver!

Heute ist Halbzeit! 6 Monate sind vorbei, noch 6 Monate die vor mir liegen. Die letzten Wochen waren wie immer aufregend: Halloween mit Sarah aus Troisdorf, Wiedersehen mit Berti aus Düsseldorf, mit Helena aus der Schweiz und Ellie aus Holland. In Vancouver sind sie einfach alle.

Eigentlich bin ich ja kein großer Halloween-Fan. Mit manch neuem Schnickschnack aus Übersee tu’ ich mich ein bisschen schwer. Wenn man aber zu Halloween in Nordamerika unterwegs ist muss man mitmachen. Und da sowas bekanntlich zu zweit viel mehr Spaß macht hab ich mich mit Sarah ins Treiben gestürzt. Sie als ‚Scary Cat’, ich als ‚Scary Skelet‘.

Zuerst ging’s zur ‚Parade of lost souls’. Auf dem Weg dorthin sind uns zig Menschen begegnet, gefühlt stand die ganze Stadt Kopf. Auf dem Weg zur Parade kamen wir per Zufall an einer Trommelgruppe vorbei, überall waren Menschen unterwegs, wurde Musik gespielt.

Als Europäer*in hatte ich die Vorstellung, dass es bei Halloween vor allem um furchteinflößende Kostümierungen geht. Stimmt garnicht. Halloween steht dem Kölner Karneval in nichts nach, alles ist erlaubt. Hauptsache verkleidet!

Nach der Parade ging’s zur Halloween- und Motto-Party in ein Art Studio, über drei Ecken kamen wir sogar umsonst rein, so blieb wieder mehr Geld für Bier, das hier arschteuer ist. 6$ (4,25€) für ein Glas (341 ml) Kneipen-Bier sind keine Seltenheit. Auch wenn das Kölsch sich sehen lassen kann. Und ja, die dürfen das hier Kölsch, oder meistens Kolsch nennen.

Vancouver ist nass, sehr nass sogar. In den 7 Wochen, die ich dort verbracht habe, gab’s zusammen genommen vielleicht gut eine Woche Sonnenschein. Der Rest war Regen, unterteilt in einzelne Schauer und vor allem Dauerregen. Zum Frühstück Regen, zum Mittagessen und weil’s so schön war auch nochmal zum Abendessen. Einmal Wasser am Stück bitte. Im Vergleich zu Köln kommt in den Wintermonaten die 3fache Menge kühles Nass vom Himmel. Vancouver liegt im Regenwald. Der Dauerregen-Rekord liegt bei 21 Tagen, unvorstellbar. Meine Fotos, allesamt aufgenommen bei tollstem Sonnenschein, spiegeln also nicht so ganz die winterliche Realität in Vancouver wider. Ich sag’s nur. Graue Regenbilder will aber auch kein Schwein sehen.

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Hape Kerkeling hat wohl mal gesagt, dass Vancouver die schönste Stadt der Welt sei. Ja, Vancouver hat echt nette Ecken. Zum Beispiel ist der Stadtpark ‚Stanley Park’ ein Regenwald, der direkt an Downtown grenzt. Man kann dort prima spazieren gehen, Inline Skates fahren oder durchradeln. Auch die Waterfront ist nett anzuschauen. Genau wie die Strände, die in wenigen Minuten mit Fahrrad oder Bus zu erreichen sind. Die Rockies kann man von der Stadt aus sehen. Gastown bietet jede Menge Kneipen und Restaurants, Downtown bietet sich hervorragend zum Shoppen und die einzelnen Stadtteile haben ihren ganz eigenen Charme.

30 Prozent der Einwohner*innen haben chinesische Wurzeln.

Es gibt jedoch auch Probleme in Vancouver. Zum Beispiel leben über 2.000 Obdachlose in der Stadt. Da sie mittlerweile aus allen Bereichen der Stadt vertrieben wurden, konzentriert sich alles in der East Hastings Street, die an Chinatown und Gastown angrenzt. Ganz schön krass, was da abgeht. Als ich das erste Mal tagsüber mit dem Bus daran vorbeigefahren bin, konnte ich kaum glauben, was ich dort gesehen hab. Es wird offen auf der Straße gedealt, man kann dabei zusehen, wie sich Heroinsüchtige Spritzen setzen. Die Polizei fährt zwar Streife, macht aber offensichtlich beide Augen zu. Man hat wohl noch keine Lösung für East Hastings gefunden.

Die Mieten sind in den letzten Jahren stark gestiegen, die Gehälter dagegen kaum. Reiche Chinesen kaufen Condos in Downtown, lassen sie leer stehen, und verkaufen sie wenige Jahre später mit ordentlich Gewinn. Die Stadt versucht nun, eine Wohnpflicht einzuführen um diesen Wahnsinn zu stoppen. Ca. 70.000 Menschen in Vancouver geben jetzt schon 50 % ihres Einkommens für Miete aus. Vancouver ist die Stadt mit der höchsten Teuerungsrate in Kanada. Und das, obwohl die Wirtschaft Kanadas gerade am Straucheln ist. Der Ölpreis ist zu günstig, die Förderung in den kanadischen Ölsanden lohnt sich nicht. Die konservative Regierung unter Steven Harper hat jahrzehntelang aufs falsche Pferd gesetzt, die Ölfirmen haben zig Leute entlassen und es sieht nicht so aus, als ob der Ölpreis zeitnah wieder anzieht. Der/die Kanadier*in blickt jedoch nach vorn, alle sind heilfroh, dass der junge Trudeau mit seiner liberalen Regierung neue Töne anschlägt.

Vancouver hat sich hohe Ziele gesteckt und will bis 2020 die grünste Stadt der Welt werden. Diese ARD-Reportage bringt die Sache übrigens ziemlich gut auf den Punkt. Das ÖPNV-System in Vancouver ist absolut am Limit, man muss zur Rush Hour schonmal auf den 3. oder 4. Bus warten, weil alle anderen voll sind (die Anzeige lautet dann ‚Sorry, bus full‘). Das gleiche gilt für den Skytrain, dessen Streckennetz auf jeden Fall noch ausbaufähig ist. Aber, es gibt Radwege und Radspuren in der Stadt, das ist auf jeden Fall ne gute Sache.

Vancouver2020: Mach mal weniger Einweg.

Ansonsten ist gerade alles und jede/r im Weihnachtstaumel. Seit November läuft in den Geschäften weihnachtliche Musik, überall wird LED-mäßig aufgefahren, was das Zeug hält. Was haste, was gibtse.

Ich hab Vancouver nun erstmal verlassen und mich auf die Insel gemacht, nach Vancouver Island. Zurzeit ‚volunteere’ ich über helpx bei Liz (70) und helfe ihr bei der Orga von Partys, geh mit dem Hund Gassi-Gassi und erkunde die Kleinstadt Duncan, die bekannt ist für ihre Totem-Pfähle. Gestern bin ich für einen Tag ins wunderschöne Victoria, die englischste Stadt Nordamerikas. Es bleibt spannend.

Euch allen Frohe Weihnachten mit ordentlichem Festschmaus sowie einen guten Rutsch ins Neue Jahr!

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2 Kommentare

  1. Madame, ich wünsche Dir auf diesem Wege ebenso ein frohes Fest und gute Leute um Dich herum! Ich hätte Dir auch gerne ne Karte gesandt (falls du mal länger mal an einem Ort bist, feel free to send me your address!!) aber wie et is: ich hab mich nicht früh genug drum gekümmert…. Nun denn, ich folge Dir weiterhin mit großem Interesse und hoffe, dass du allzeit safe and sound stayst und die Umgebung mit Deiner Anwesenheit erfreust 🙂 Merry Christmas, mate

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  2. Haben schon sehnsüchtig auf einen neuen Blog gewartet 🙂
    Übrigens, zur Info (da du Hape erwähnt hast)… „Ich bin dann mal weg“ läuft ab dem 24. in den dt. Kino´s an. Wir dürfen auf die Umsetzung des so tollen Buches gespannt sein.
    Wäre froh, wenn hier so einiges grüner wäre (Plastikmüll!!!).
    Auf spannende weitere 6 Monate.
    Schung jereß 🙂

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