Rocktrip durch die Roadies und Teil 2 von „Ich bin nicht mehr jung aber brauche das Geld“

Die letzten Wochen waren sehr ereignisreich. Ich habe viel gesehen, neue Bekanntschaften geschlossen, alte Bekanntschaften wiedergesehen. Überlaufende Jobmessen der Skigebiete besucht. Nach Jobs gesucht und keine gefunden. Und letztlich meinen Trip in den Westen geplant, quasi als Plan B.

Nachdem ich für eine Woche in Banff meine Zelte aufgeschlagen, Berge hochgekraxelt und ausreichend frische Luft getankt hatte, bin ich zurück nach Calgary. Insgeheim hatte ich gehofft, eine Zusage aus Sunshine Village zu bekommen, da die vier Interviews auf der Jobmesse eigentlich ganz gut gelaufen waren. (Sunshine zahlt besser als die Anderen.) Vielleicht hat man als EuropäerIn immer diesen Eindruck, die Menschen hier sind halt immer super nett und entspannt. So kann ein „Oh, interesting“ soviel heißen wie „Das interessiert mich nicht die Bohne!“ Mit soviel Freundlichkeit komme ich als Deutsche nicht klar. Sag halt an was Phase ist, bro!

Zackfäddisch!

Auf 90 % meiner anderen Online-Bewerbungen habe ich keine Antwort erhalten. Auch das ist normal, man meldet sich halt nur, wenn man Interesse hat. Ein paar hatten mir Absagen geschickt. Aber dieser ganze Online-Scheiß bringt einen halt überhaupt nicht weiter. Da ist man dann eine unter Tausenden. In Big White haben sich wohl zum Teil auf einen Job 300 Leute beworben. Das muss man sich mal reinziehen. 300 Menschen die für 10.25$ (umgerechnet 7,30 Euro) als Housekeeper Betten beziehen oder sich als Lift Operator den Arsch abfrieren wollen, nur um einen freien Skipass zu ergattern. Sorry Leude, aber für sowas bin ich nun wirklich zu alt.

So kam mir die Idee, es jobtechnisch in Calgary zu versuchen. Dort sind die Gehälter besser und es gibt schon ein paar Jobs. Sunshine hatte mich sogar am nächsten Tag schon zurückgerufen, ich hatte mich auch auf einen Customer Care Agent Job beworben, der sich jedoch in Calgary und somit nicht im Skigebiet befand.

Nachdem ich in Cowgary jedoch innerhalb eines Tages schon alles Sehenswerte abgegrast hatte war mir klar: Hier halten mich keine 10 Pferde! Tschüssikowski! Das einzig wirklich große Event auf das man immer stolz hingewiesen wird ist die Stampede im Juli. Die größte Rodeo-Show der Welt soll wohl sehr sehenswert sein. Aber wir haben halt jetzt Oktober, woll. Also, Adieu Mondieu …

Nach langem Hin- und Herüberlegen sollte es nun nach Vancouver gehen. Über diese Stadt hatte ich, im Gegensatz zu Calgary, bislang nur gutes gehört. Da ich jedoch nicht nonstop mit dem Bus durch die Rockies rauschen wollte hatte ich mir zwei Stops überlegt: Revelstoke und Kelowna.

Revelstoke ist ein kleines süßes Städtchen, umgeben von vielen Bergen, Flüssen und Stauseen und wurde mir von meinem Montrealer room mate Tyler empfohlen. Auf dem Weg dorthin ging es auf und ab, hinter jeder Kurve versteckte sich eine neue atemberaubende Landschaft. Die Steilhänge waren zum Teil mit riesigen Eisenvorhängen abgesichert um etwaigen Steinschlag abzufangen. Hinweisschilder auf den Anhöhen baten darum, die Bremsen doch bitte auf deren Funktion hin zu prüfen, bevor es steil bergab ging. Rechts fanden sich immer wieder „Runaway Roads“, also Auslaufspuren, die einem im Fall der Fälle davor bewahren sollten, nicht ganz vom Kurs abzukommen.

Der Greyhound hat mich sicher ans Ziel gebracht. Untergebracht war ich im Samesun-Hostel. Hatte ich erwähnt, dass es in den Rockies nur so von Deutschen und AustralierInnen wimmelt?! Das war hier nicht anders. Alle auf der Suche nach Jobs, auf Wohnungssuche, zum Teil schon erfolgreich für Std.löhne zwischen 10.50$ und 11.25$.

„Wir sind nicht hier, um reich zu werden.“

Zwei Tage hab ich in Revelstoke verbracht, es war echt nett. Eine kleine Stadt wie aus dem Bilderbuch geschnitzt. Die Menschen grüßen sich auf der Straße. Man trifft sich im Café um den neuesten Dorftratsch auszutauschen. Es gab sogar ein kleines, süßes Kino. Ich ließ es mir nicht nehmen und hab mir den Streifen „Mount Everest“ dort angeschaut. Empfehlenswert.

Die Wanderwege führten auch in Revelstoke immer steil den Berg hinauf. Zum Beispiel zu einer alten Ski-Schanze, auf der vor langer Zeit Weltrekorde aufgestellt wurden. Auch wenn die Zeit der Rekorde vorbei ist, Wintersport ist weiterhin die Haupteinnahmequelle hier. Erst vor kurzem wurde Revelstoke weiter ausgebaut, vermutlich wird der kleine Ort in zehn, zwanzig Jahren nicht mehr wiederzuerkennen sein und es bleibt zu befürchten, dass neben den aktuell 52 Pisten weitere Berge erschlossen werden.

Die nächste Station war Kelowna. Um es kurz zu machen, Kelowna ist langweilig und wird vermutlich auch keinen Schönheitspreis gewinnen.

Schöne Grüße aus Hässlich-Kelowna

Das einzig gute in Kelowna: Tolle Sushi, Wacken 3D im Kino und witzige Zufälle.

So hab ich Ellie wiedergesehen. Ellie ist Ende 20, Krankenschwester und kommt aus den Niederlanden (oder sagt man jetzt nur noch Holland?!). Wir hatten uns im Juni in Halifax kennengelernt. Just an dem Abend, als ich im Hostel in Kelowna eingecheckt hatte schrieb sie mir eine Nachricht auf Facebook. Es stellte sich heraus, dass sie gerade als Nanny in einer Familie arbeitet. In Kelowna! Da haben wir uns gleich mal für den nächsten Tag verabredet.

Auch Flo aus Berlin und Jörn aus Hamm habe ich wiedergesehen. Flo hatte ich ursprünglich beim Game Tester Training in Montreal kennengelernt, wir waren im Sommer mehrere Male zusammen unterwegs. Jörn hatte ich durch eine Work & Travel-Gruppe bei Facebook kennengelernt. Er hatte für zwei Tage Montreal besucht, am ersten Tag hatte ich ihm die Stadt gezeigt und mit ein paar Anekdötchen versorgt. Bei unserem Stadtrundgang hatten wir per Zufall Flo getroffen. Die beiden haben sich daraufhin angefreundet und sind zusammen weitergerreist in den Westen. So läuft der Hase hier in Kanada. Jungs, ihr schuldet mir eigentlich noch ein Bier! 😉

Nach dem vielen Reisen bin ich nun froh, in Vancouver angekommen zu sein und freue mich darauf, mich wieder häuslich einzurichten. Nach einem Monat auf Achse sehne ich mich nach Ruhe und geregelten, selbst gekochten Mahlzeiten. Reisen ist cool, man sieht viel, man trifft viele Menschen. Aber es ist auch ein stückweit anstrengend. Man muss täglich zig Entscheidungen treffen. Wo fahre ich als nächstes hin? Wie komme ich von A nach B. Wo fährt der Bus ab? Wo ist mein Hostel und wie komme ich dahin? Was kann man alles machen vor Ort? Und die wichtigste aller Fragen: Wo bekomme ich was zu essen?

Vermutlich werde ich den Winter in Vancouver verbringen. Vielleicht verschlägt es mich aber doch wieder woanders hin, wer weiß. Vancouver ist eine Hammer-Stadt, auch wenn es gerade viel regnet. Ein Job auf dem deutschen Weihnachtsmarkt ist mir sicher, übermorgen ziehe ich in meine neue WG, ein geiles Halloween-Wochenende liegt hinter mir, läuft.

Keep you posted!

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4 Kommentare

  1. Hi Tanja, Vancouver hat mir auch sehr gut gefallen, war damals auf nem Kongress dort und dann noch ein paar Tage Urlaub drangehängt…liebe Grüße!

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