Wale in der Bay of Fundy & Teil 1 von „Ich bin jung und brauche das Geld“

Ich bin immer noch dabei, das alles, also meine Reise und das was ich gerade tue und erlebe zu begreifen, auch wenn ich jetzt schon fast seit 2 Monaten in Kanada bin. Und das, obwohl ich doch schon sozusagen das Gleiche in Australien und Neuseeland gemacht hab. Aber diesmal ist es schon anders. Ich bin ein bisschen älter und vielleicht schon ein alter Hase im Backpacker-Showgeschäft. Dennoch oder gerade deshalb versuche ich, die Möglichkeiten und Chancen, die sich hier ergeben, beim Schopfe zu packen.

Es ergab sich, dass bei Babel doch nicht so viel zu tun war und ich mir einen Plan B überlegen musste. So kam mir das deutsche Paar in Nova Scotia wieder in den Sinn, mit dem ich bereits Mitte April, als ich noch in Deutschland war, Kontakt hatte. Warum mir jetzt erst der Gedanke kam? Ich musste damals nach meiner Ankunft in Halifax eigentlich gleich weiter nach Montreal, weil das Training bei Babel schon am 1. Juli los ging. Zudem sollte das in MTL Vollzeit sein, es blieb also eh keine Zeit für einen Zweitjob. Es kommt immer anders als man denkt.

So hab ich mir ’nen Lift besorgt und ab ging die Post. 12 Stunden on the road. (Man unterschätzt als EuropäerIn gerne mal die Distanzen im zweitgrößten Land der Erde.) Durch Quebec, New Brunswick, Nova Scotia. Zurück nach Halifax zu Lobster und Propeller-Bier. Auto leihen und nach Deep Cove, ungefähr ’ne Stunde entlang der „Lighthouse Route“ Richtung Süden. Auto! Freiheit! Roadtrip!

Als erstes ging’s zum Couchsurfing nach Chester. Chester ist so ein bisschen Beverly Hills, dort wohnen die Reichen und Schönen. Oder nur die Reichen 😉 Mein Host Dogan kommt eigentlich aus Istanbul, ist Programmierer und hat sogar mal ein halbes Jahr in Konstanz gearbeitet. Während er tagsüber arbeiten ging, bin ich zu den Deutschen zum Training gefahren. Abends haben Dogan und ich nach dem Abendessen mit einem wohlverdienten Feierabend-Bierchen angestoßen! Prost!

Nach 2 Nächten bei Dogan bin ich weitergezogen in ein kleines Hostel in Mahone Bay. Das Kip & Kaboodle wird von Craig betrieben, er ist ein waschechter Kiwi, Aye! Sweet As! Choice Bro! Er hat mich mit seinem Slang einige Male zum Schmunzeln gebracht. Das Hostel war super! Tolle Leute am Start, das ist ja immer so ne Glückssache. Kann ein Volltreffer oder ein totaler Reinfall sein. Steckste nicht drin.

Nach 2 Tagen Training hab ich dann festgestellt, dass ich kein CMS-Manager sein möchte. Es hat mir wirklich überhaupt keinen Spaß gemacht. Nach mittlerweile (bitte weghören) 19 Jahren Berufserfahrung kann ich ziemlich schnell einschätzen, ob mir etwas Spaß macht oder nicht. Es war viel zu viel Geklicke, Kopiere, Überprüfe, Angepasse, Gesuche, und das alles auf meinem 13 Zoll-Bildschirm … Ne, nix für mich, sorry Leute.

Also hab ich meine Sachen gepackt und bin Ines’ Rat gefolgt und nach Brier Island gefahren. Auf dem Weg dahin hab ich noch einen kleinen Stop in „New Germany“ eingelegt, der Ort heißt wirklich so. Alles Deutsche liegt mittlerweile auf dem Friedhof. Bis auf den Ortsnamen und ein paar Grabsteine ist nichts übrig geblieben. Selbst die Frau im Pizzaladen, die im Ort aufgewachsen ist, wusste nichts zu berichten. Schade. Mir blieb also nur, die Wirtschaft Neu-Deutschlands etwas anzukurbeln mit dem Kauf einer leckeren Veggie-Pizza.

Nach etlichen Kilometern und zwei Autofähren später hab ich dann endlich das Ortsschild von Westport passiert. „Sie haben Ihr Ziel erreicht“. Eine andere Welt. Frische Luft. Sonne. Meer und Möwen, die um die Wette schreien. Die besten Bedingungen, um nochmal zu entschleunigen. Wovon eigentlich? Egal, entschleunigen ist immer gut.

Am nächsten Morgen ging’s ausgeschlafen, mit Lunch-Paket und Kamera bewaffnet und bei schönstem Sonnenschein zur Whale Watching Tour. Mir wird’s auf so kleinen Bötchen gerne mal schummrig, es ging. Als die ersten Wale zu sehen waren, war nix mehr schummrig. Was soll ich sagen, es war absolut genial! Buckelwale, Finnwale, Riesenhaie. Schaut selbst:

Es ist garnicht so einfach von nem Boot aus Videos oder Fotos zu machen, ist ’ne ziemlich wackelige Angelegenheit. Irgendwann hab ich die Kamera aber dann ausgeschaltet und nur noch mit meinen Augen Bilder gemacht. Bei dem ganzen Geknipse ist man halt doch nicht ganz bei der Sache.

Ja, es ist super touristisch so ne Wal-Tour. Ja, auch das Boot verbraucht Diesel und ist ne weitere Lärmquelle im Meer. Aber es war wirklich sehr, sehr beeindruckend. Mit an Bord waren außerdem zwei Meeresbiologie-StudentInnen, eine davon hört man im Video-Ton. Die Walbeobachtungen, die von diesem Boot aus gemacht werden, werden übrigens wissenschaftlich festgehalten. Die Bay of Fundy ist sehr fischreich, viele der Wale haben nur ihr Sommerquartier hier, sie leben sonst in südlicheren Gefilden. Wale sind auch in den Nachrichten hier immer wieder Thema, zum Beispiel wenn sie stranden oder sich in Fischernetzen verheddern. Allein auf dem Weg zum Whale Watching Spot konnte man viel Plastik im Wasser treiben sehen. Nicht so schön.

Ich wäre gerne länger auf der Insel geblieben, aber ich musste wieder zurück nach Montreal. Hab ja nicht umsonst dort ein Zimmer in ’ner WG gemietet. Außerdem hatte ich Montags einen Termin an der McGill Universität und ein Vorstellungsgespräch bei VMC Games.

Einen „shared ride“ zurück nach Montreal hatte mir „Chalkmaster Dave“ angeboten, nachdem ich auf einem Portal ein Gesuch aufgegeben hatte. Dort kommen die, die die Strecke fahren, und die, die eine Mitfahrgelegenheit suchen, zusammen. Dave ist Künstler. Kennt ihr die 3D-Bilder, die man oft auf Straßen oder in Stadien sieht? Damit ist er mittlerweile ziemlich erfolgreich, er hat wohl auch schon mit bekannten „Größen“ hier in Kanada zusammen Projekte umgesetzt. Zudem geht er in Problemviertel und bringt Jugendlichen bei, wie man mit Kunst tolle Dinge schaffen und damit sogar Geld verdienen kann. Ein paar seiner Kunstwerke und anderen Schabernack kann man bei Facebook sehen (hier geht’s zur Fb-Seite von Chalkmaster Dave)


Wieder zurück in Montreal ging’s tags darauf schon an die McGill, um an der Studie teilzunehmen. Ich bin jung und brauche das Geld! Gesucht wurden rechtshändige, deutsche MuttersprachlerInnen, 18 bis 50 Jahre, die erst nach dem 5. Lebensjahr die erste Fremdsprache erlernt haben und keine neurologischen Vorerkrankungen vorweisen. (Soweit ich das selbst und laienhaft beurteilen kann, hab ich keine.) Es wurden verschiedene Aufgaben gestellt, Tests gemacht, währenddessen wurde die Hirnaktivität mit einem EEG aufgezeichnet. Ich konnte meine Hirnströme auf einem Bildschirm verfolgen, spannend! Wie ich mit dem Käppchen aussah? Witzig! Ob es Fotos davon gibt? Ja. Da ich jedoch das Recht am eigenen Bild geltend mache entfällt die Veröffentlichung. Zu schade, ich weiß. Die Studie soll Aufschluss darüber geben, wie man am besten Sprachen erlernt. Der Studienleiterin, eine Deutsche, hab ich dann natürlich gleich mal den Tipp gegeben, sich die Seite von Forschung aktuell anzuschauen. Sie hat jetzt den Podcast abonniert.

Nachmittags ging’s zum Einstellungstest bei VMC. Ich hab bestanden, was auch sonst! Schon Donnerstags ging’s mit dem Arbeiten los, seitdem hab ich fast jeden Tag Schichten. Um mal ein bisschen mehr davon zu erzählen: Die Spiele, die wir testen, sind ganz unterschiedlich. Von Games für mobile Anwendungen, Konsolenspiele, PC-Games ist alles dabei. Die Teams in den Projekten sind international gemischt, jede/r checkt die Spiele in seiner/ihrer Muttersprache auf Rechtschreibung, Grammatik, ob Text überlappt, abgeschnitten, verrutscht, falsch getrennt ist oder sogar fehlt. Dazu zählt auch, das Spiel zu spielen. Man spielt selten durch, man prüft Seite für Seite, überspringt auch schonmal ein paar Level, um nur neuen Kontent zu prüfen. Ich arbeite für die Abteilung LOC (Localization). Getestet wird in Traditional Chinese, Simplified Chinese, Brazilian Portuguese, Japanisch, Indonesisch, Französisch, Italienisch, Deutsch (klar), Norwegisch, Schwedisch, Lateinamerik. Spanisch, Europ. Spanisch, Russisch, Koreanisch. Außerdem gibt es den Bereich FQA (Functionality), dort wird getestet, ob das Spiel auch funktioniert, ob die Grafik in Ordnung ist usw.

Ob ich mittlerweile zur Gaming-Maus mutiert bin? Leider nein, leider garnicht. 🙂 Reich werde ich mit dem Game Tester-Job auch nicht, ich arbeite gerade für 12 $/Std., wir sind also beim Mindeslohn, insgesamt komme ich auf 30 bis 40 Std. pro Woche. Quebec hat den höchsten Steuersatz in ganz Kanada, d.h. vom Brutto gehen so ca. 10 bis 20 % für Steuern und Krankenversicherung ab, ich warte noch auf meinen ersten Paycheck. Im Vergleich zu Deutschland sind das erheblich weniger Abzüge. Man muss jedoch bedenken, dass die Lebenshaltungskosten hier deutlich höher sind als in D. Butter, Joghurt, Käse, Milch sind doppelt so teuer, no shit.

Wie lang der Job noch geht? Keine Ahnung. Hängt von der Auftragslage und meiner Muße ab. Es sind teilweise schon „spezielle Charaktere“ dabei, das Nerd-Klischee gibt’s nicht umsonst. Leider ist bei manchen Team Leads der IQ weit höher als der EQ. Für alle, die  denken, dass es in anderen Unternehmen generell und ganz bestimmt besser läuft als im eigenen: Weit gefehlt. Hab heute, nach über zwei Wochen, endlich einen eigenen PC-Account bekommen (Chapeau!), hab bis dato auf anderer Leut‘ Kennungen gearbeitet.

So viel Stadt, egal wie schön und aufregend, macht auch ein wenig müde. Deshalb geht meine nächste Station wohl zum wwoofen oder helpxen aufs Land in Ontario. Die Recherche dazu starte ich in den nächsten Tagen. Bis Ende August bleibe ich jedoch noch in MTL, da mein Zimmer bereits bis dahin bezahlt ist.

In der Mittagspause stehen meistens ein paar Food Trucks vor unserem Gebäude, heute war auch „Das Foodtruck“ dabei. (Das Auto?) Das Konzept ist einfach. Ein bisschen Bratwurst, Schnitzel und ’ne bayerische Flagge, fertig ist der deutsche Food Truck. Personal kanadisch, klar. Davor stand ein deutsches Ehepaar um die 50 aus der Nähe von Hamburg, er musste natürlich eine Bratwurst probieren! (By the way: Die Bratwurst war in Scheibchen geschnitten und sah eher aus wie Blutwurst, serviert mit Mayo und Fritten on the side.) Ich saß auf einer Bank gleich nebenan, hab alles interessiert beobachtet, wir kamen ins Gespräch. Und auf einmal wurde ich gesiezt! Damit kam ich nicht klar. Hab mich schlicht geweigert zurückzusiezen, das ist für mich schon wieder so unglaublich weit weg. Ich meinte dann, wir wären ja alle im Freizeit-Dress hier am Start, ich würde jetzt einfach mal duzen, die beiden waren einverstanden, was auch sonst …

You can say you to me …

Das Foodtruck
Das Foodtruck

Wetter: Weder heiß noch schwül, heute waren es chillige 22 Grad Celsius bei einem Sonne-Wolke-Mix. Die nächsten Tage soll es so bleiben. Also keine Überhitzungsgefahr.

Wie gefällt euch eigentlich mein Blog? Schreibt’s in die Kommentare, freu mich über Feedback! Und immer dran denken: You can say ‚you‘ to me 😉

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9 Kommentare

  1. Tolles Video,da können Seehunde auf einer Sandbank in der Nordsee nicht mithalten.Hat mich wie immer sehr gefreut wieder was von dir zu lesen.Liebe Grüße. Heddy vom Venn

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  2. „You can say ‘you’ to me!“ – grandios!!!

    Ein ganz toller blog – hervorragend geschrieben – freue mich auf mehr…

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