Im Juli 2015 bin ich in mein letztes Work-and-Travel-Abenteuer gestartet, genau 10 Jahre ist das jetzt her. Damals war ich 35 Jahre alt, hatte mein vorläufiges Arbeitsvisum in der Tasche und steckte voller Neugier auf die kommenden 12 Monate. Seit meinem ersten Working Holiday waren viele Jahre vergangen, ich war älter und reifer geworden und wusste, dass es ganz anders werden würde, als damals in Australien und Neuseeland.
Los ging es ganz im Osten. In Halifax, wo ich damals auch Ines wiedergetroffen habe. Wir hatten uns in Neuseeland kennengelernt und waren über Facebook im Kontakt geblieben. Das machte mir das Ankommen in Kanada erstmal einfach, sie zeigte mir die Stadt und coole Orte, gab mir Ausflugstipps für die nähere Umgebung und hatten das kleine Örtchen Lunenburg sogar gemeinsam besucht.
Schon kurz danach ging es für mich weiter Richtung Westen. Erst nach Montreal. Von dieser Stadt, dessen Geschichte und Kultur war ich sofort fasziniert. Hier fand ich Arbeit, Freunde und anstrengende WGs. Und ein reichhaltiges Kulturangebot, der Sommer war fantastisch. Und eine original Poutine mit cheese curds gibts nur hier.
Nach vielen Monaten in Montreal ging es weiter über Ottawa, Toronto, Calgary, Canmore, Banff, Revelstoke, Kelowna nach Vancouver und Vancouver Island. Mittendrin Gelegenheitsjobs, Wwoofing, HelpX, Couchsurfing, Kajak fahren, Wandern, Trampen und Campen. Mit Bekannten reisen, bei Bekannten übernachten. Fremden beim Umzug helfen. Sich treiben lassen. Das Leben im Hier-und-Jetzt genießen. An schönen Orten länger bleiben, an unschönen Orten früher abreisen. Auf die kleinste Formel gebracht: Die Zeit, Zeit sein lassen.
Was ist geblieben von dieser Zeit?
Klar, das Vergangene ist vorbei. Aber die Erinnerungen sind noch da. Und tauchen dann und wann immer mal ganz unwillkürlich wieder auf.
Z.B. die gestresste Katze in meiner WG in der Rue St. Urban (Montreal). Sobald ihr Frauchen verreist war, übergab sie sich im Flur, bekam Durchfall. Und jedes Mal ging unser Mitbewohner angeekelt („That’s so digusting!“) dran vorbei, auf dem Weg in die Küche als auch wieder auf dem Weg zurück in sein Zimmer. Scherte sich aber nicht weiter drum. Toll war auch die WG-Party, die ich dank Oropax komplett verschlafen habe. Ich war die Tage vorher so viel und lange unterwegs, dass ich an dem Abend einfach frühzeitig und todmüde ins Bett gefallen bin. Bis heute bin ich der festen Überzeugung, dort nichts verpasst zu haben.
An meinen Arbeitsweg vom Mont Royal runter nach Downtown MTL (Montreal) mit meinem Bixi, ich habe es geliebt!

An die Frau, die mich beim Trampen aufgelesen hatte, mich zu sich nach Hause einlud, für mich kochte und mich am nächsten Morgen zum besten Tramping-Spot brachte um weiterzufahren. Mein Französisch und ihr Englisch waren so schlecht, dass wir uns anfangs kaum unterhalten konnten, dafür waren wir aber im ähnlichen Alter und direkt auf einer Wellenlänge, sie ist früher auch oft getrampt.
An den Tsunami-Alarm auf Vancouver Island. Da wurde es mir ganz anders und ich hoffte, dass mich irgendjemand mit Auto mitnimmt auf die ausgeschilderte Evakuierungsroute. Das klappte schönerweise. Der Alarm entpuppte sich später als Fehlalarm.

An die 10er-WG in Vancouver mit meinem kalten Garagenzimmer. An meinen Café-Job dort mit dem zugekoksten Kollegen. Dazu noch Vancouver im Winter bei Dauerregen und Dauergrau. Der Junkie-Boulevard in der East Hastings Street, einfach nur Wahnsinn. Die leerstehenden Apartments in Downtown und die jungen Obdachlosen mit Reisekoffer. Die Parade anlässlich Halloween. Silvester mit zentralem Feuerwerk und Bühne mit Musikbands in der Innenstadt (privates Feuerwerk gibt es nicht, eine Wohltat!).
Ans Kajak fahren in Tofino (Vancouver Island). Ruhiges Wasser, tolle Gruppe, und plötzlich umkreisen uns etliche Robben. An die uralten, riesigen Bäume dort. Generell an die schöne Natur in Nordamerika.

An die Möwe, die auf Granville Island (Vancouver) mein Fischbrötchen gefressen hat, nachdem sie es mir aus der Hand geschlagen hatte. Wer kann, der hat. 😉
Whale Watching in Nova Scotia. Ich hab irgendwann die Kamera ausgemacht und nur noch mit den Augen genossen. Es war einfach zu schön.

Meine Zeit in Banff, mitten im Winter. Knackig kalt, Pulverschnee. Viel und harte Arbeit im Banff Springs, gutes Geld, und mitten in der Natur bei frischer Luft und wunderbarstem, ungechlorten Leitungswasser. Unvergessen meine Abschiedsparty im 2 Quadratmeter-Zimmer mit 10 Leuten aus der ganzen Welt. Wunderbar. Tolle Arbeitskollegen aus der ganzen Welt.

Mein Kurztrip nach Playa del Carmen (Mexiko). Fantastisches Essen, Polizei mit Maschinengewehren vorm Bahnhof, korrupte Polizei (wie dankbar bin ich, hier in Deutschland/Europa leben zu dürfen!).

Und natürlich Musik. Ein Lied, das für mich wirklich omnipräsent während meiner Zeit in Kanada war und überall dudelte: Dreams von Fleetwood Mac. Immer, wenn ich es seither höre, denke ich an meine Zeit in Kanada.
Ich denke oft zurück an die unglaubliche Höflichkeit der Menschen in Kanada. An das „Thank you“ für den Busfahrer beim Aussteigen (mache ich jetzt auch manchmal im rauen Berlin). An die unzähligen Sorry(s), die ich gehört und geschenkt bekam.
An Kyle, den Kanadier, den ich in Montreal wiedergesehen habe. Wir hatten 5 Jahre zuvor kurze Zeit in Australien im gleichen Working Hostel gewohnt. An den deutschen Auswander-Stammtisch in Montreal. Er war mein Netzwerk in dieser Zeit. Liebe Elke, danke noch mal für die Luftmatratze, das war genial! An dieser Stelle auch liebe Grüße an Christian (der mit der Schauspieler-Schwester), Hans (den Franken) und Volker (in St. Henri). Ihr ward klasse!
(Wissenschaftlicher Funfact: Ich habe nie gesehen, wie sich in Kanada irgendjemand auch nur ansatzweise in die Hände geniest hat. Alle, egal ob jung oder alt, haben dafür die Armbeuge gewählt. Wir sprechen hier von 2015/2016.)
Manchmal begreift man erst mit etwas Abstand, wie toll etwas wirklich war. Was für ein Privileg diese Reise war. Was für ein Geschenk, mit so vielen verschiedenen Nationen dort zusammen zu arbeiten, vor allem in Montreal und Banff. An die absolute Entschleunigung, weil man in der arbeitsfreien Zeit einfach in den Tag hinein gelebt hat. Nur einen Koffer hinter sich herziehen musste. Wir im Jahr 2015 Corona ausschließlich für ein mittel-geschmackvolles Bier gehalten haben.
Fast wäre es passiert, dass Montreal mich festgehalten hätte. Aber es kam dann doch etwas anders. Und ich fühle mich auch viel zu europäisch als dass ich mir vorstellen könnte, auf einem anderen Kontinent zu leben.
Was wirklich geblieben ist, ist Dankbarkeit. Dankbarkeit für eine großartige Zeit mit einzigartigen Begegnungen. Für all das Glück, das mich auf meiner Reise begleitete. Und für die Menschen, die sich mir gegenüber großzügig und hilfsbereit gezeigt haben.
Auch wenn man das bei der aktuellen Nachrichtenlage manchmal nicht glauben mag: Große Teile der Welt sind gute Orte mit wunderbaren Menschen. Und diese Menschen wohnen gleich nebenan, egal, wo man wohnt. Begegnen dir jeden Tag, ohne, dass man sie groß wahrnimmt. Weil man in seiner Heimat wieder den alten Alltag angenommen hat und anders lebt als während der Zeit im Ausland.
Warum eigentlich?
Man könnte durch Deutschland reisen und dort arbeiten, wo es einem gerade gefällt. Wir würden unser eigenes Land noch einmal ganz anders kennenlernen. Wir würden auf unzählige Menschen mit verschiedensten Lebensmodellen treffen. Könnten uns in Ruhe unsere Nationalparks anschauen. Unsere mittelalterlichen Kleinstädte, die während des Zweiten Weltkrieges von Zerstörung oft verschont geblieben sind. Könnten uns auf erstklassigen Wander- und Radwegen bewegen.
Man könnte auch ein Jahr (oder länger) durch Europa fahren, wandern, trampen. Gelegentlich arbeiten. Jobs ausprobieren. Sprachen lernen. Menschen treffen. Landschaften und Orte entdecken.
Mit unserem deutschen Pass haben wir alle Freiheiten. Die Welt liegt uns zu Füßen.
Das Leben ist eine Frage der persönlichen Entscheidung.
Mach was draus.