Ein Funkhaus mit Spreeblick, das gibt es nur in Ostberlin! Genauer gesagt in Oberschöneweide – oder wie die Ortskundigen es abkürzen: OSW. Das Funkhaus in der Nalepastraße ist nicht nur das ehemalige DDR-Funkhaus in Berlin, sondern auch ein großer Schatz, das wurde bei der geführten Tour im Frühsommer ziemlich schnell klar. Die ebenfalls anwesende rbb-Reporterin formulierte es so: „Ich hab jetzt schon vergessen, dass ich im Dienst bin.“ So interessant war die Führung durch die alten und geschichtsträchtigen Gemäuer mit Start-up-Flair. Hinter jeder Tür wartete eine neue Überraschung. (Link zum rbb-Bericht über die Tour ganz unten.)
Im heutigen „Funkhaus Berlin“ sammeln sich handverlesene Künstler:innen und Firmen, sie können sich hier eigene Studios und Räumlichkeiten mieten. In ein Atelier durfte unsere Besuchergruppe sogar rein, hier wurde gerade ein Musikstück komponiert. Besonderheit: 4D-Sound! Im ganzen Raum verteilt standen deckenhohe Säulen, in jeder Säule drei Boxen sodass sich die Akustik in jeder Ecke des Raumes anders verhielt – mit geschlossenen Augen ein echtes Hörerlebnis!
Vorher ging es durch Flure und Eingangsbereiche, in denen der alte Marmorboden aus Hitlers zerstörten Reichskanzlei wiederverwendet wurde (ihr werdet das verlegte Muster auf den Fotos vermutlich wiedererkennen), durch holzvertäfelte Säle. Überhaupt ist im Funkhaus auffällig viel Holz verarbeitet, so auch im Sendesaal. Das gibt natürlich nicht nur optisch ein schönes Bild sondern hat auch eine akustische Wirkung. Das Holz stammt mehrheitlich aus der Sowjetunion, verriet uns der Tourguide.
Größtes Studio der Welt
Den ursprünglichen und erstklassigen Konzert- und Sendesaal (Saal 1) gibt es immer noch. Und die Prominenz war auch schon da, z.B. Igor Levit, Sting und Depeche Mode. Dieser Saal ist knapp 12.000 Kubikmeter groß und ist damit doppelt so groß wie die Abbey-Studios in London – und deshalb eben auch das weltweit größte Aufnahmestudio. Falls ihr euch beim Blick auf die große Orgel auch fragt, ob diese noch bespielt wird: Nope, da leider eine Panne passiert. Die klimatischen Bedingungen in der Umgebung wurden wohl falsch berechnet und so kam es, dass die prächtige Orgel nach wenigen Wochen den Geist aufgab. Man kann sich also nur noch rein optisch daran erfreuen.
Es gibt noch einen „kleineren“ Sendesaal (Saal 2), der aber ebenfalls riesig ist und als Backstage bei Konzerten dient.
Die Erbauerinnen und Erbauer des Funkhauses haben sich bei der Konzeption der Gebäude und des Geländes scheinbar nicht lumpen lassen und Geld schien wohl damals auch kein Problem gewesen zu sein. Zur Vorgeschichte: Der DDR-Rundfunk sendete nach dem Krieg im Haus des Rundfunks im Westend – und somit im britischen Sektor. Und irgendwann hieß es: Ihr müsst leider raus. Und deshalb musste schnell ein neues Funkhaus her. Man erbaute dieses auf dem Gelände einer ehemaligen Fabrik.
Ich finde es wunderbar, dass man es so schön und erstklassig gestaltet hat. – und es in großen Teilen bis heute erhalten geblieben ist oder modern umgestaltet wurde, aber den ursprünglichen Charakter behalten hat. Der Bau und das Gelände dienen bis heute vor allem als Kreativort und auch als Filmkulisse (Bridge of Spies, Das Leben der Anderen, Ku’damm 63 etc.).
Nach der Wende gab es mehrere Eigentümerwechsel und der eigentliche Plan, das Gelände gesamtheitlich zu entwickeln, hat sich leider nicht eingelöst. Nachdem 2005 das Gelände anstelle für den eigentlichen Wert, nämlich 30 Mio. Euro, für schlappe 350.000 Euro über den Dresen ging, verkaufte der Eigentümer es – entgegen der Absprache – einzeln weiter. Danach folgten weitere Wechsel. Das Thema Geld bleibt auch weiterhin Thema, nicht alle Häuser auf dem Gelände befinden sich in einem guten Zustand.
Auf den Fotos seht ihr auch ein zweigeschossiges Loft, das komplett aus eigenen Mitteln so aufgebaut wurde. Überhaupt sind alle Um- und Aufbauten aus eigenen Mitteln gestemmt worden, das betonte unser Tourguid eimmer wieder. Highlight im Loft: Die Terrasse mit Blick über Berlin.
Kultsender DT64
Für die Älteren unter euch: Auch DT64 hat aus dem Funkhaus in der Nalepastraße gesendet. Zu DDR-Zeiten gab es auf dem Gelände des Funkhaues im Übrigen auch einen Betriebskindergarten, einen Friseur-Salon, Allgemeinmediziner, Zahnarzt, Buchhandlung, Lebensmittelgeschäft, Kegelbahn, Sauna. Zu Spitzenzeiten arbeiteten hier über 5.000 Leute. Über die historischen Fakten könnt ihr euch auch im entsprechenden Wikipedia-Artikel informieren. Eine Übersicht mit weiterführenden Links findet ihr ganz am Ende des Artikels. Auch die Website zum Funkhaus selbst, wo man die geführten Touren buchen. Ich kann Sie euch nur wärmstens empfehlen, ihr werdet aus dem Staunen so schnell nicht mehr herauskommen, versprochen! Großes Tanadia-Ehrenwort 😉
Falls ihr euch fragt, warum auf den Fotos fast kein Mensch zu sehen ist: Auch wenn Programme die Leute inzwischen „herauszaubern“ können, ich habe mir einfach die Zeit genommen, die Fotos gleich ohne Personen aufzunehmen.

















































Weiterführende Links:
rbb Heimatjournal Funkhaus-Tour in der Nalepastraße (2024) ab Minute 11 ungefähr
Funkhaus Nalepastraße lockt Kreative, Startups und Gäste aus aller Welt nach Oberschöneweide (2023)
Du willst selbst bei einem Konzert oder ein Tour dabei sein? Website Funkhaus Berlin
Deutschlandfunk Kultur Studio 9 Zwischen Vorgestern und Übermorgen (2022) (Trigger-Warnung: Flake / Rammstein kommen am Anfang ganz kurz drin vor, abseits davon sehr hörenswert!)
Deutschlandfunk Deutschland heute Moderatorin Silke Hasselmann provoziert bei DT64 (2019)
M – Menschen machen Medien (Verdi) – „Neues Leben im alten Funkhaus“ (2019)
Wikipedia Fabrikant und Schöffe aus Oberschöneweide: Paul Nalepa